“The Creation of World Poverty” von Teresa Hayter, Teil 1

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african-slum1Prairie Fire: Buchrezension über „The Creation of World Poverty” von Teresa Hayter, Teil 1

(llco.org)

Die offensichtlichste Tatsache der heutigen Welt ist der gewaltige Unterschied zwischen den reichen und den armen Ländern. Die Spaltung der globalen Gesellschaft wird manchmal als Kontrast zwischen der Ersten und der Dritten Welt, zwischen der globalen Stadt und dem globalen Dorf, zwischen den ausbeutenden und ausgebeuteten Ländern, zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd bezeichnet. Egal, wie man es bezeichnen will, der Konflikt zwischen diesen Populationen bildet mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Hauptwiderspruch der Welt. „The Creation of World Poverty“ wurde 1981 von Teresa Hayter als Reaktion auf den Brandt-Report der Weltbank publiziert und zeichnet den Ursprung dieser großen globalen Kluft nach. Hayters Buch ist Teil einer größeren Bewegung, die sich in der Nachkriegszeit mit der politischen Ökonomie beschäftigt hat. Oftmals war diese politische Ökonomie von maoistischem und drittweltlerischem Gedankengut beeinflusst. Auch wenn es Momente gibt, in denen Hayter den Mut zu verlieren scheint und zwischen zwei Stühlen sitzen bleibt, die Politik ihres Werkes ist durch und durch drittweltlerisch. Das Buch von Hayter kann sich durchaus in eine Reihe mit den Werken von Ökonomen stellen, die drittweltlerische oder quasi drittweltlerische Überlegungen vertreten, so wie zum Beispiel André Gunder Frank und Samir Amin.

Ungleichheit zwischen ausbeuterischen und ausgebeuteten Länder

Ihr Buch wurde zwar schon 1981 und nochmals 1990 veröffentlich, trotzdem bleibt ihre Beschreibung der Situation, in der sich die Welt befindet, aktueller denn je:

„Im Norden, Osteuropa mit eingeschlossen, lebt ein Viertel der Weltbevölkerung von vier Fünfteln des Welteinkommens; im Süden einschließlich China leben vier Milliarden Menschen – drei Viertel der Weltbevölkerung, welche aber nur von einem Fünftel des Welteinkommens leben.“ (1)

„Die Lohnsätze in den unterentwickelten Ländern betragen oftmals nur einen Zwanzigstel bis Dreißigstel von den Lohnsätzen, die in den reichen Ländern für die gleiche Arbeit bezahlt werden.“ (2)

„Nach Schätzungen des Weltentwicklungsberichts lag 1975 der durchschnittliche Alphabetisierungsgrad der Erwachsenen in den achtzehn am höchsten entwickelten Industrieländern bei 99 Prozent; in den 38 „Billiglohnländer“ wurde er auf 38 Prozent geschätzt. In der ersten Gruppe betrug 1978 die durchschnittliche Lebenserwartung 74 Jahre, in der zweiten gerade mal 50 Jahre. 1977 betrug die Anzahl der schulpflichtigen Kinder in einer weiterführenden Schule 87 bzw. 24 Prozent. 1977 betrug der durchschnittliche Kalorienverbrauch pro Tag und Person 3’377 (oder 131 Prozent des Bedarfs) bzw. 2’052 (oder 91 Prozent des Bedarfs). Die Zahl der Einwohner pro Arzt betrug 1977 durchschnittlich 630 in der erstgenannten Gruppe und 9’900 in der letztgenannten… Der Energieverbrauch pro Person betrug 1978 in der ersten Gruppe 7’060 (kg Steinkohleeinheit), in der zweiten 161.“ (3)

Seit 1981 hat sich nur wenig geändert. Die riesigen Unterschiede zwischen der Ersten und der Dritten Welt bestehen noch immer. Zum Beispiel beträgt das mittlere Einkommen weltweit ungefähr 2.50 $ pro Tag. Im Gegensatz dazu beträgt das mittlere Privateinkommen pro Werktag für Menschen in den USA, die über 15 Jahre alt sind (mit oder ohne Arbeitsplatz) grob geschätzt 119 $. Ferner gibt es in Indien mehr Leute, die weniger als 0.80 $ pro Tag verdienen, als es Menschen in den USA gibt. Der Unterschied ist in Wirklichkeit sogar noch größer als es die Werte darstellen können, da die Leute in Indien meistens auch noch einige Stunden pro Tag länger schuften müssen. (4) Und die Zustände bessern sich nicht. Zum Beispiel hungern seit letztem Jahr zusätzliche 100 Millionen Menschen. Die Anzahl der hungernden Menschen in der Dritten Welt ist in letzter Zeit dramatisch angestiegen. Sie ist um 11 Prozent gestiegen. Laut einem UN-Report schätzt man, dass die Anzahl der hungernden Menschen auf 1.02 Milliarden Menschen gestiegen ist. (5) Hayter bemerkt nebenbei, dass die Anzahl derjenigen, welche unter den allerschlimmsten Bedingungen leben müssen, auch während sie das Buch schreibt, am Zunehmen sei. Sie berichtet, dass zu ihrer Zeit außerhalb des sowjetischen und sozialistischen Blocks 700 Millionen notleidende Menschen leben. Beinahe 40 Prozent der Bevölkerung in den Entwicklungsländern lebte in äußerster Not. (6)

„In manchen Ländern stirbt jedes vierte Kind vor dem fünften Lebensjahr. Millionen Menschen leben in Häusern und Hütten, die aus Wellblech, Pappkarton und anderen „unbeständigen“ Materialien gefertigt sind. Es gibt kein fließendes Wasser und keine Toiletten. Elektrischer Strom ist ein Luxus. Medizinische Einrichtungen sind selten zu Fuß erreichbar und kosten viel. Sogar wenn eine Grundschulbildung möglich wäre und kostenlos zur Verfügung steht, werden die Kinder vielfach zum Arbeiten gebraucht. In der Regel gibt es keine Sozialversicherungen oder Arbeitslosengelder und viele Menschen, laut der Internationalen Arbeitsorganisation etwa 300 Millionen, müssen gänzlich ohne Erwerbstätigkeit auskommen. Gewerkschaftsrechte und gewerkschaftliche Organisierung sind oftmals gering oder fehlen vollständig, und die massive Repression der staatlichen Behörden ist eher die Regel als die Ausnahme.“ (7)

Die Notleidenden, die Verdammten dieser Erde, sind im Moment eine sehr dynamische Population. Seitdem Hayters Buch veröffentlich wurde, vollzog sich ein größerer demografischer Wandel. Zum ersten Mal in der Geschichte leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Aber das wirkliche Leben in der Stadt ist nicht so, wie es von utopischen Futuristen vorhergesagt worden ist. Diese Urbanisierung erfolgte durch das Wachsen der Megastädte in der Dritten Welt mit ihrer gewaltigen Anzahl an Slumbewohnern. Vielfach sind die neuen Notleidenden nicht vollständig oder überhaupt nicht in die ökonomische Produktion integriert. Diese riesigen Ansammlungen bilden das, was Marx mit der industriellen Reservearmee gemeint hat. Es sind entbehrliche Menschen am Rande des Überlebens. Doch ihre Existenz allein garantiert, dass immer eine Menge von Arbeitern vorhanden ist, die von den Kapitalisten ausgebeutet werden kann. Zusätzlich gewährleistet ihre Existenz als große, potentielle Arbeitskraftreserve, dass die Löhne in weiten Teilen der Dritten Welt stets auf das Existenzminimum beschränkt bleiben. Die Zunahme dieser Klasse begleitete die Industrialisierung und den Wandel der Produktion in der Dritten Welt, parallel zur Deindustrialisierung der Ersten Welt. Diese Klasse spielt trotz ihrer Untätigkeit eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft. Diese neue Gruppe von Slumbewohnern ist so groß und dynamisch, dass sie ein potentielles Sicherheitsrisiko für die Imperialisten und ihre Vertreter in der Dritten Welt darstellt. Es ist durchaus möglich, dass diese enteigneten Klassen die Soldaten an der Frontlinie des zukünftigen Volkskriegs in der Dritten Welt bilden werden.

Hayters Weltbild ist, obwohl es schon zwei Jahrzehnte alt ist, bei weitem treffender als die begrenzte Auffassung der sogenannten Marxisten in der Ersten Welt. Die meisten Erstweltler richten den Fokus auf die Bevölkerung des eigenen Landes unter Ausschluss der restlichen Weltbevölkerung. Es misslingt ihnen, das wahre Ausmaß des Unterschieds zwischen den reichen und den armen Ländern zu begreifen. Es misslingt ihnen, die Verbindung zwischen den Stellungen der Länder untereinander zu erkennen. Es misslingt ihnen, die Verbindung zwischen der innenpolitischen Situation der imperialistischen Länder und der weltweiten Klassenstruktur zu erkennen. Ein solcher Tunnelblick der Erstweltler, die sogenannten Marxisten mit eingeschlossen, ist chauvinistisch und imperialistisch.

Der historische Ursprung der Ungleichheit

Hayter zeigt, dass die traditionellen, bürgerlichen Erklärungen für die Ursprünge der Ungleichheit falsch sind. Diese Erklärungen gründen auf rassistischen und imperialistischen Annahmen: Die Ungleichheit sei das Resultat der natürlichen Überlegenheit der Europäer; es sei das Resultat des Klimas, nach einer solchen Betrachtungsweise, soll das heiße Wetter faul machen; es sei das Resultat der überlegenen protestantischen Arbeitsmoral in Nordeuropa etc. Ähnliche chauvinistische Erklärungsversuche werden uns von den sogenannten Marxisten der Ersten Welt aufgetischt. Um den Lebensstandard der sogenannten Arbeiterklasse der Ersten Welt fortzusetzen und zu rechtfertigen, weigern sich die sogenannten Marxisten, die tatsächlichen Ursprünge des großen Reichtums, an dem sich die Bevölkerungen in den imperialistischen Ländern erfreuen können, näher zu betrachten. Hayter weist darauf hin, dass Tatsachen zählen, dass die Geschichte zählt. Wenn die tatsächliche Geschichte über die Entstehung der globalen Ungleichheit ignoriert wird, akzeptiert man damit auch die rassistische, imperialistische Darstellungsweise.

Hayter weist ebenfalls darauf hin, dass Europa erst spät zu einem Akteur auf dem internationalen Schauplatz wurde. Eines der Themen in den Werken von Marco Polo war der Gegensatz zwischen dem weit fortgeschrittenen China und dem Europa jener Zeit. 1793 informierte der Kaiser von China den britischen König Georg II., dass China schon alles hätte, was es benötigte und für englische Produkte keine Verwendung fand. In Indien sandte der Rajah von Malabar 1498 eine Botschaft an den König von Portugal mit einem ziemlich ähnlichen Inhalt. Europa war damals tiefste Provinz. Die Akkumulation von Reichtum in Europa und Nordamerika, inklusive der technologische und industrielle Vorsprung, ist eigentlich etwas relativ Neues. Im 19. Jahrhundert, im Laufe der industriellen Revolution, erfolgte dieses große Anwachsen des britischen, danach die des resteuropäischen, des nordamerikanischen und später noch des japanischen Reichtums und Produktivität. Hayter weist darauf hin, dass der Aufstieg von dem, was Friedrich Engels als die verbürgerlichte Arbeiterklasse und Lenin als Arbeiteraristokratie bezeichnete, ein Phänomen aus jüngster Zeit ist:

„Der Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung in Europa war zu Beginn des 20. Jahrhunderts prekär… Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte vollzog sich aber ein langsamer Anstieg der Kraft und Organisation der europäischen und nordamerikanischen Arbeiterklasse, entgegen dem heftigen Widerstand des Staates und der Arbeitgeber, und es lässt sich nicht leugnen, dass sich ihre Situation im Vergleich zum 19. Jahrhundert verbessert hat, es aber für die Arbeiter und Bauern anderswo noch dieselbe geblieben ist.“ (8)

Hayter sieht für diesen Wandel in der globalen Position des Westens verschiedene Gründe. Vor fünfhundert Jahren nahm die europäische Expansion in Übersee ihren Anfang. Handel, Raub, Sklaverei und Piraterie in der „Neuen Welt“ füllten die Koffer Europas. Vieles, was als „Freihandel“ bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit schlichtweg Raub. Dieser Zustrom von Reichtum sorgte für einen Teil der primitiven Akkumulation des Kapitals, welche dabei half, die kapitalistische Entwicklung in Großbritannien und nicht anderswo zu beschleunigen. Mit anderen Worten, die Finanzspritze aus der Neuen Welt trieb den Kapitalismus dort voran, wo er in Europa bereits existierte. Diejenigen Länder, die den Kapitalismus als Erste entwickelt hatten, konnten den Vorteil dieser Finanzspritze vollständig ausschöpfen. Obwohl der Zustrom an geraubtem Reichtum der Azteken und Inkas größer war, konnte Spanien dies nicht zu seinem Vorteil nutzen, da es hinsichtlich der kapitalistischen Entwicklung hinter den anderen Ländern zurücklag. Hayter zeigt, dass der Kapitalismus seine vollentwickelte Form im Großbritannien des 19. Jahrhunderts erreicht hat. Die Anfänge des Fabriksystems kann man aber schon im 16. Jahrhundert finden. Schon im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Landwirtschaft in Großbritannien zunehmend kapitalistisch. Aus dem Kapitalismus resultierte eine massive Expansion der Produktivität und der technologischen Innovation. Die Produktion wurde immer wissenschaftlicher und betraf immer größere Teile der Gesellschaft. Die Unproduktiven wurden in die Produktion eingezogen, oftmals gegen ihrem Willen. Güter konnten nun in Massen produziert werden, und das Ganze deutlich günstiger. Der Kapitalismus bewirkte eine höhere Leistungsfähigkeit der Produzenten. (9) Die Erklärung von Hayter verbindet korrekt die Elemente derjenigen, welche auf die bedeutende Rolle der Finanzspritze der Ersten Welt hinweisen, mit denjenigen, welche die Wurzeln des Kapitalismus im landwirtschaftlichen Großbritannien sehen, beispielsweise Robert Brenner und Ellen Meiksins Wood.

Das Buch von Hayter ist eine hervorragende Einführung für alle, die die Ursprünge der Ungleichheit zwischen den Ländern der Neuzeit untersuchen möchten. Obwohl Hayter von Zeit zu Zeit in ihrem Drittweltismus schwankt, ist ihr Buch im Großen und Ganzen in den Schlussfolgerungen zweifellos drittweltlerisch. Die grausame Ungleichheit, welche unsere Welt charakterisiert, ist nicht naturgegeben. Sie blickt auf eine lange Geschichte zurück, welche von Hayter gut beschrieben wird. Die Vorherrschaft der Ersten Welt und die Armut der Dritten Welt sind nichts Mysteriöses. Die Entwicklung der europäischen und der restlichen Länder der Ersten Welt ist direkt an die Unterentwicklung der Dritten Welt gekoppelt. „The Creation of World Poverty“ von Hayter hilft uns dabei, diese Verbindung in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Es existiert ein umfangreiches Material an drittweltlerischer und quasi drittweltlerischer akademischer Literatur, das noch nicht übertroffen werden konnte. Das Buch von Hayter kann auch als Einführung in die Literatur über die Dependenztheorie, ungleichmäßigen Austausch etc. benutzt werden. Je besser man die Welt versteht, desto eher ist man in der Lage, sie zu verändern. Falls das Proletariat der Dritten Welt mit ihrer historischen Mission Erfolg haben will, muss sich ihre Leitung der fortschrittlichsten Wissenschaft bedienen, um die Revolution durchführen zu können. Wissenschaft ist das Losungswort, um den globalen Volkskrieg zu entfachen.

Fußnoten:

Originaltitel:

Book review part 1 of 2 of Teresa Hayter’s The Creation of World Poverty
von Prairie Fire

1. Hayter, Teresa. The Creation of World Poverty. Third World First. Great Britain: 1990. p. 16

2. Hayter, p. 18

3. Hayter, pp. 17-18

4. Amerikkkans rich, Indians poor, so-called “ICM” deaf and dumb. Monkey Smashes Heaven. August 19, 2007. http://monkeysmashesheaven.wordpress.com/2007/08/19/amerikkkans-rich-indians-poor-so-called-icm-deaf-and-dumb/

5. One billion go hungry… socialism is better than capitalism. Monkey Smashes Heaven. June 28, 2009. http://monkeysmashesheaven.wordpress.com/2009/06/28/one-billion-go-hungry-socialism-is-better-than-capitalism/

6. Hayter, p. 18

7. Hayter, p. 18

8. Hayter, pp. 27-29

9. Hayter, pp. 33-35

10. Hayter, pp. 37-39

11. Hayter, p. 38

12. Hayter, p. 38

13. Hayter, p. 48

14. Hayter, p. 20

15. Hayter, p. 52

16. Hayter, p. 53

17. Hayter, p. 57

18. Hayter, p. 57

19. Hayter, p. 54

20. Hayter, p. 69

21. Hayter, p. 67

22. Hayter, pp. 59-63

23. Hayter, p. 64

24. Hayter, p. 97

25. Hayter, p. 107

26. Hayter, p. 66

27. Hayter, p. 67
28. Hayter, p. 68