Das Paradoxon des „Anti-Kriegs“-Kapitalismus: Friedensbewegungen, Abrüstung und der Krieg in der Ukraine

Das Paradoxon des „Anti-Kriegs“-Kapitalismus: Friedensbewegungen, Abrüstung und der Krieg in der Ukraine

Janelle Velina
Deutsche Übersetzung von Klaus Markstein
23. Mai 2023
LLCO.org

Seit Ausbruch des Russland-Ukraine-Krieges ist das Fehlen einer echten marxistischen Analyse in einigen sehr verwirrten Teilen der Linken[1] sehr offensichtlich gewesen (sowie bei solchen, die angeblich links sind, aber sich eindeutig mit rechten Kräften verbünden). Diese Teile rechtfertigen entweder die russische Aggression und treten für eine multipolare kapitalistische Weltordnung ein oder sie unterstützen die NATO und ihre Verbündeten mit dem Wunsch, den Konflikt so lange wie möglich in die Länge zu ziehen. Sie weigern sich, den Krieg als einen zwischenimperialistischen Konflikt zu sehen, in dem der US-Imperialismus mit dem russischen Imperialismus darum konkurriert, wer die Ukraine als Kolonie behalten und eine Marionettenregierung für ihre jeweiligen bürgerlichen Interessen einsetzen darf. Einer der merkwürdigsten Aspekte dieser westlichen „Anti-Kriegs“-Bewegungen ist jedoch, wie schnell sie die Vereinigten Staaten, Kanada, das Vereinigte Königreich und andere mit den USA verbündete Länder zur Abrüstung auffordern.[2] Sie behaupten, diese Länder würden von Rüstungsunternehmen kontrolliert. Niemals werden dieselben Anklagen und Kritikpunkte jedoch gegen Russland und China erhoben, obwohl beide die größten Abnehmer ukrainischer Waffen sind[3] und ihre eigenen, einheimischen Rüstungsunternehmen großzügig unterstützen. China kauft 36 Prozent der ukrainischen Waffen, Russland kauft 20 Porzent. Darüber hinaus beschäftigt das US-Unternehmen Collins Aerospace – eine Tochterfirma von Raytheon – mehr als 950 chinesische Mitarbeiter an 15 wichtigen Standorten in China, mit 9 Joint-Venture-Unternehmen, die sich auf Design, Entwicklung und Herstellung konzentrieren.[4] Damit ist klar, dass ein aufgeblähter Militärhaushalt und die Vergabe von Almosen an Rüstungsinvestoren kein Alleinstellungsmerkmal der Vereinigten Staaten sind.

Es liegt nicht in der Natur von Kapital, „friedlich“ zu sein,[5] da die inhärente Ungleichheit des kapitalistischen Systems Krieg materiell erforderlich macht. In seinem Kern hat der Kapitalismus ein logisches, wirtschaftliches Interesse daran, Kriege zu führen, auch wenn diese Logik unmenschlich ist. Und damit ein kapitalistisches Land im kapitalistischen System erfolgreich sein kann, muss es sich am Imperialismus beteiligen. Daher haben auch diejenigen die Natur des Kapitalismus verkannt, welche die Illusion von Frieden und Abrüstung propagieren, ohne zuerst das kapitalistische System abschaffen und die Spaltung der Menschheit in Klassen und Nationen beenden zu wollen.[6]

Ähnlich wie ihre Polizeikräfte brauchen die kapitalistischen Staaten ihre Armeen, um ihre Klassenherrschaft, die Diktatur der Bourgeoisie, durchzusetzen. Und da sich der Kapitalismus bereits in praktisch jeden Winkel der Welt ausgebreitet hat, ist es nur logisch, dass die mächtigsten kapitalistischen Länder ihr Militär stärken und ausbauen, um sich nicht nur gegen andere Kapitalisten zu verteidigen, sondern auch die Interessen ihrer Investoren in ihren Kolonien vor rivalisierenden imperialen Mächten zu schützen. Staaten geraten aufgrund des Wettbewerbscharakters des Kapitalismus im Streben nach Profiten, Ressourcen und Märkten unweigerlich in direkten Widerspruch zueinander[7].

Daher ist es unmöglich, dass die mächtigsten kapitalistischen Staaten einer Abrüstung zustimmen würden – besonders keiner nuklearen Abrüstung. Keiner von ihnen ist bereit, sich in eine verwundbare Position zu begeben, während es sich in einem kontinuierlichen Kampf mit den anderen imperialistischen Mächten befindet.[8] Die imperialistischen Blöcke, sei es die NATO oder die BRICS, profitieren von Atomprogrammen, weil sie eine effektive Abschreckung gegen Invasionen sind. Nicht nur das: Selbst ein sozialistischer Staat wie die ehemalige Sowjetunion (die nicht nach kapitalistischem Profit strebte) erkannte aus rein taktischer Sicht den Vorteil nuklearer Abschreckung. Sie befand sich nämlich noch immer in einer vom Kapitalismus beherrschten Welt, umzingelt von kapitalistischen Staaten, die sie zerstören wollten. Aus demselben Grund erhielten die Sowjets auch die Rote Armee aufrecht.

Atomwaffen werden von kapitalistischen Staaten aber nur zur Abschreckung oder als „letztes Mittel“ gehalten, und nicht als Offensivwaffen oder überhaupt als konventionelle Verteidigungswaffen. Das liegt daran, dass im Falle eines Atomkrieges kein Profit gemacht werden kann. Der Einsatz solcher Waffen basiert nämlich auf dem Prinzip der gegenseitig zugesicherten Zerstörung. Mit anderen Worten: Konkurrierende kapitalistische Atommächte wie Russland oder die USA wollen nicht unbedingt Atomwaffen gegeneinander einsetzen, weil die jeweils andere Seite Vergeltung üben würde und keiner der beiden bereit wäre, sich der völligen Zerstörung zu stellen. Noch wichtiger ist, dass es für die Kapitalisten beider Seiten äußerst schwierig sein würde, in der Folgezeit Gewinne zu erzielen. Solange das US-Imperium nicht so verzweifelt ist, dass es das russische Imperium (und auch das chinesische) zusammen mit sich selbst zu vernichten bereit wäre, sind die Chancen für einen Atomkrieg in absehbarer Zukunft zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels höchst unwahrscheinlich. Daher ist ein langwieriger Konflikt wie der Russland-Ukraine-Krieg für die Kapitalistenklasse eigentlich die bessere Wahl.

Die Tatsache, dass Russland im Februar 2022 trotz seiner wiederholten Zurückweisungen westlicher Warnungen in die Ukraine einmarschiert ist und damit den Krieg direkt angefangen hat, stärkt nur die hegemoniale Position der Vereinigten Staaten in der Welt. Außerdem hat es der Neonazi-Bewegung in der Ukraine nur noch mehr Selbstvertrauen gegeben, was, wenn auch unbeabsichtigt, den russischen Propagandamythos von der „Entnazifizierung“ der Ukraine bröckeln lassen sollte. Des Weiteren unterhält die ebenfalls antikommunistische Regierung Russlands selbst sehr freundschaftliche Beziehungen zu einheimischen faschistischen Ideologen und anderen rechtsextremen Gruppen im Ausland[9] – das ist jedoch ein anderes Thema, das den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

In der Tat sind die US-amerikanische Rüstungs-, Öl- und Gasindustrie bisher die klaren Gewinner des Russland-Ukraine-Konflikts, da sie einen immensen Gewinnzuwachs verzeichnen konnten. In einem Bericht der New York Times vom 18. Dezember 2022 wird dieser Zuwachs so beschrieben:

  • Lockheed Martin erhielt vom Pentagon Aufträge für militärische Raketensysteme im Wert von mehr als 950 Mio. USD, um die in der Ukraine eingesetzten Waffenbestände aufzufüllen.
  • Raytheon erhielt Aufträge im Wert von mehr als 2 Mrd. USD für die Lieferung von Raketensystemen zur Erweiterung oder Auffüllung der in die Ukraine geschickten Waffen.
  • Die Aktienkurse von Lockheed und Northrop Grumman stiegen im Jahr 2022 um mehr als 35 Prozent.
  • US-Waffenverkäufe an ausländische Streitkräfte beliefen sich im Jahr 2022 auf insgesamt 81 Milliarden Dollar. Viele dieser Verkäufe wurden zur Erhöhung der Militärausgaben als Reaktion auf den russischen Einmarsch in der Ukraine verwendet. Anfang Dezember desselben Jahres vergab das Pentagon rund 6 Milliarden Dollar an militärische Auftragnehmer, um Waffen in die Ukraine zu liefern.[10]

Das alles sollte nicht überraschen, denn es folgt der Logik des Kapitalismus. Allerdings hat Russlands Einmarsch in die Ukraine diese perfekte Situation für US-Kapitalisten überhaupt erst geschaffen, und sie können diesen Krieg jetzt zu ihrem Vorteil weiter verlängern. Angesichts dieses erneuten Booms der US-Industrie kann man sich sicher sein, dass liberale Organisatoren von Friedens-Kundgebungen[11] niemals die Regierung der Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten zur Beendigung des Krieges überreden könnten, ebenso wenig zur Abrüstung oder zum Stopp von Waffenlieferungen an die Ukraine. Und einige dieser sogenannten „Friedens“-Kundgebungen diskreditieren sich noch mehr, wenn sie Russlands Kriegstreiben anfeuern. Denn egal ob man sich auf die Seite der NATO und ihrer Marionettenregierung in der Ukraine oder auf die Seite Russlands stellt – beides ist gleichbedeutend mit einer Rechtfertigung für die weitere Verlängerung des Krieges.

Hinzu kommen noch rechtsextreme Gruppen, die sich als „antiimperialistisch“ oder „pazifistisch“ darstellen. Sie unterstützen jene Fraktion der imperialistischen Bourgeoisie, welche die liberale bürgerliche Demokratie zugunsten des Faschismus über Bord werfen will.[12] In den USA besteht diese bunt zusammengewürfelte Truppe aus

  • der Libertarian Party of the U.S.,
  • weißen Rassisten,
  • rechtsextremen Milizen,
  • Organisationen, die Lyndon LaRouche nahestehen,[13][14]
  • antisemitischen und Anti-Impf-Verschwörungstheoretikern in den sozialen Medien und anderen Rechtsextremisten, die lautstark Wladimir Putin unterstützen,
  • Industriekapitalisten,
  • kleinbürgerlichen Unternehmern und
  • Trump-nahen Elementen innerhalb der Republikanischen Partei, die Russland als Leuchtfeuer des traditionalistischen Konservatismus sehen.

Mehrere davon verstecken sich hinter einer „fortschrittlichen“ Maske. Sie versuchen, die Linke zur Zusammenarbeit mit der extremen Rechten in einem Bündnis gegen die NATO zu bewegen, welche die Ukraine bewaffnet. Dabei bedienen sie sich oft einer emotional manipulativen Rhetorik. Ihr Ziel ist es natürlich, die Linke zu unterwandern, um deren Energie auf eine reaktionäre Agenda zu lenken. Damit stellen sie faktisch die Interessen des kapitalistischen Russlands über ihre eigenen. Diese „progressiv“ verschleierten Agitatoren laufen der ihrer Meinung nach russlandfreundlichen Rechten hinterher und wollen ihr den Weg zur Macht ebnen. Sie handeln nicht anders als NATO-Lobbyisten, wenn sie dem aufkeimenden russischen Imperium bei der Errichtung seiner hegemonialen Hegemonie helfen. Diese kunterbunte rechtsextreme Truppe will nicht nur Verwirrung stiften und politische Neulinge oder Naive verwirren. Ähnlich wie die fehlgeleitete gemäßigte Fraktion der „Friedens“-Bewegung[15] fordern auch sie auf verblendete Weise die Abrüstung der westlichen Staaten während sie gleichzeitig lautstark das „Recht“ Russlands verteidigen, bewaffnet zu bleiben und seine Aggression in der Ukraine fortzusetzen. Sie sprechen Russland frei von jeglichem Fehlverhalten. Beide Fraktionen sehen keinen Zusammenhang zwischen den Widersprüchen des Kapitalismus und dem Krieg in der Ukraine, oder überhaupt jedem im Kapitalismus geführten Krieg. Beide leugnen vehement den imperialistischen Charakter Russlands (und Chinas). Die rechtsextremen „Friedensaktivisten“ gehen jedoch noch einen Schritt weiter, indem sie offen für Putins reaktionäre Werte, ihren eigenen nationalen Chauvinismus und einen ungezügelteren, rückschrittlicheren Kapitalismus werben. Außerdem propagieren sie die Idee, dass eine von Trump geführte Republikanische Partei irgendwie „friedlicher“ wäre als die Demokratische Partei. Dabei vergessen sie, dass beide dieser antikommunistischen und antisowjetischen Partei praktisch dieselbe Außenpolitik verfolgen – sie sind sich nur uneinig darüber, wie der Imperialismus am besten umgesetzt werden soll. Beide Parteien vertreten verschiedene Fraktionen innerhalb der Kapitalistenklasse, deren Interessen oft miteinander kollidieren. Die Demokraten stehen dem kapitalistischen Russland jetzt lediglich offener feindlich gegenüber, obwohl die USA dieselben russischen bürgerlichen Nationalisten, die jetzt an der Macht sind, bei der Zerschlagung der Sowjetunion unterstützt haben. Das liegt daran, dass die Demokraten ganz natürlich (und ganz rational) angefangen haben, Russland als Konkurrenten des US-Kapitals zu betrachten, zumal Putin im Gegensatz zu Boris Jelzin nicht so bereit ist, ein Juniorpartner des US-Imperialismus zu sein.

Die vermeintliche „Freundlichkeit“ der Republikaner gegenüber Russland wird jedoch angesichts der dem Kapitalismus innewohnenden Konkurrenz wahrscheinlich nicht lange anhalten. Wie bereits in diesem Artikel erläutert, ist es lächerlich zu glauben, dass die USA und ihre westlichen Verbündeten jemals ihre Waffen aufgeben und ihre Militärausgaben vollständig kürzen werden. Sollte dieses unwahrscheinliche Szenario jedoch eintreten, dann wird die multipolare kapitalistische Welt, die sich beide Gruppen von „Anti-Kriegs“-Aktivisten gewünscht haben, ziemlich schnell zerfallen und zu einer neuen Ära des unipolaren Kapitalismus führen, in der entweder ein voll bewaffnetes kapitalistisches Russland oder ein voll bewaffnetes kapitalistisches China die Führung übernimmt und die Welt mit militärischen Mitteln beherrscht. Das ist ironisch und steht ganz im Gegensatz zu den kurzsichtigen Zielen ihrer Befürworter, welche die Multipolarität als Endziel anstreben. Dabei verstehen sie nicht, wie Marx sage: „Das Monopol erzeugt die Konkurrenz, die Konkurrenz erzeugt das Monopol. Die Monopolisten machen sich Konkurrenz, die Konkurrenten werden Monopolisten.“[16] Außerdem würde dies aufgrund des offensichtlichen Machtungleichgewichts zwischen einem entwaffneten imperialistischen Block und einem bewaffneten imperialistischen Block zu einer sehr instabilen Übergangsperiode im Kapitalismus führen. Wie können wir also so sicher sein, dass ein solches Szenario, obwohl höchst unwahrscheinlich, zum Weltfrieden führen würde? Auch die russische (und die chinesische) Opposition gegen den US-Imperialismus ist von vulgärer Art. Ebenso vulgär und prinzipienlos ist es, eine solche Opposition unkritisch als „antiimperialistisch“ hochzuhalten und zu behaupten, sie müsste unbedingt unterstützt werden, nur weil sie gegen die USA ist, aber ohne die Gründe für diese Opposition zu berücksichtigen. Das erinnert an das, was Lenin in Kapitel 5 von Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“ schrieb:

„Aber dieses Argument P. Kijewskis ist falsch. Der Imperialismus ist ebenso unser ‚Todfeind‘ wie der Kapitalismus. Das ist so. Aber kein Marxist wird vergessen, dass der Kapitalismus im Vergleich zum Feudalismus fortschrittlich ist und der Imperialismus ebenso im Vergleich zum vormonopolistischen Kapitalismus. Das heißt also, dass wir kein Recht haben, jeden Kampf gegen den Imperialismus zu unterstützen. Einen Kampf reaktionärer Klassen gegen den Imperialismus werden wir nicht unterstützen, Aufstände reaktionärer Klassen gegen Imperialismus und Kapitalismus werden wir nicht unterstützen.“[17]

Selbst aus der Sicht des fortgeschrittenen Kapitalismus, insbesondere des neoliberalen Kapitalismus, der von den meisten wohlhabenden und mächtigeren westlichen Ländern vertreten wird, ist es nicht wirklich wünschenswert, zu einer Zeit intensiverer Gegensätze zwischen ebenbürtigen kapitalistischen Staaten zurückzukehren. Das wäre nämlich ein Rückschritt im historischen Fortschritt. Das ist es, was Multipolarität im Wesentlichen bedeutet, und es ist das, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ersten Weltkrieg führte. Warum sollte einer dieser fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten nach Jahren der Konsolidierung, des Fortschritts und der Erfolge in der (kapitalistischen) Entwicklung bereitwillig der Forderung eines aufstrebenden rivalisierenden imperialistischen Blocks, der bewaffnet ist, nachgeben und abzurüsten? Das wäre so, als würde man von etablierten Unternehmen verlangen, die Elektrizität abzuschaffen und zu Kerzenlicht zurückzukehren, weil „Elektrizität ihnen einen zu großen Vorteil gegenüber ihren neuen Konkurrenten verschafft.“ Damit soll nicht behauptet werden, dass die Vereinigten Staaten ein fortschrittlicher Staat sind (denn das sind sie nicht); es sollte jedoch eingeräumt werden, dass Russland und China vergleichsweise weniger fortschrittlich sind, da sie einen eher bonapartistischen, traditionalistischen Kapitalismus vertreten – was das hypothetische Szenario eines vollständig entwaffneten NATO-Blocks, aber eines voll bewaffneten Russlands und Chinas noch beklemmender macht. Natürlich wäre es sinnvoller, für eine allgemeine Abrüstung einzutreten, aber das ist wegen der imperialistischen Konkurrenz ebenso unwahrscheinlich wie die freiwillige Abrüstung nur eines imperialistischen Blocks (des US-geführten).

Wie auch immer, die Realität ist, dass Putin den Zugang zu den Weltmärkten zu seinen und den Bedingungen der russischen Bourgeoisie will. Genauso wie Xi Jinping zu den Bedingungen seiner und der chinesischen Bourgeoisie. Beide sind Vertreter und Mitglieder der Bourgeoisie in ihren jeweiligen Ländern. Beide setzen auch Ressourcen wie Öl und Energie als Waffen ein, um ihre Einflusssphären aufrechtzuerhalten.[18][19][20] Nichts davon hat etwas damit zu tun, sich dem Imperialismus in irgendeiner sinnvollen Weise entgegenzustellen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich, abgesehen von dem derzeitigen Machtungleichgewicht, nicht von ihren US-amerikanischen Gegenspielern[21].

Um auf das Beispiel Chinas als wichtigstem Käufer von Waffen aus ukrainischer Produktion zurückzukommen: Auch Diplomatie und „Friedensgespräche“ sind im Kapitalismus weit von wirklich altruistischen Motiven entfernt. Am 3. Februar 2023 hatte China ein Dokument zur politischen Beilegung des Konflikts in der Ukraine veröffentlicht, in dem es zu einer „friedlichen Beilegung der Krise“ aufrief.[22] Obwohl China offiziell keine Seite im Russland-Ukraine-Krieg unterstützt, und auch keine Waffen an die Ukraine liefert oder die Ukraine anfeuert, kauft es nicht nur weiterhin ukrainische Waffen, sondern hat sich auch an Den Haag gewandt, um die Ukraine zum Verkauf ihrer Industrien zu zwingen, nachdem 2017 ein Abkommen von einem ukrainischen Gericht eingefroren worden war, weil die Ukraine ihre Industrien verstaatlicht hatte.[23] Bei dem fraglichen Deal ging es darum, dass das chinesische Luftfahrtunternehmen Skyrizon 41 Prozent des ukrainischen Flugzeugmotorenherstellers Motor Sich gekauft hatte und eine größere Mehrheitsbeteiligung an diesem Unternehmen anstrebte. Entgegen dem Wunschdenken derjenigen, die das heutige China für sozialistisch halten,[24][25][26] sind die Beweggründe Chinas für die Vermittlung eines „Friedensabkommens“ also nicht weniger fragwürdig als die der Vereinigten Staaten, wenn diese ihre eigenen Bedingungen vorschlagen würden. Noch wichtiger ist jedoch, dass „friedliche Lösungen“ oder „friedliche Koexistenz“ zwischen rivalisierenden kapitalistischen Staaten wie Russland und den Vereinigten Staaten nach wie vor vom Profitmotiv bestimmt werden und bestenfalls eine Farce sind. Damit soll nicht unbedingt gesagt werden, dass China als wichtigster Abnehmer ukrainischer Waffen der einzige Grund für den erwähnten Vorschlag eines „Friedensabkommens“ ist, aber es zeigt, dass China in der Tat ein wirtschaftliches Interesse an der Erschließung der ukrainischen Märkte hat und somit daran, einen solchen Vorschlag zu unterbreiten. Ja, man könnte argumentieren, dass diplomatische „Friedensabkommen“ einem totalen Krieg vorzuziehen sind, da dies zumindest weniger Menschenleben kosten würde. Die Forderung nach einem Waffenstillstand im Kapitalismus ist nicht unbedingt etwas, das völlig abgelehnt werden sollte – solange Kommunisten ausdrücklich anerkennen, dass alle beteiligten imperialistischen Kriegsparteien (und nicht nur eine), die in einem zwischenimperialistischen Konflikt zu Aggressionsakten angestiftet haben, die Feindseligkeiten einstellen müssen. Es sollte jedoch bedacht werden, dass eine „Friedensperiode“ im Kapitalismus bestenfalls vorübergehend ist und dass die Feindseligkeiten angesichts des inhärenten Wettbewerbscharakters des Kapitalismus sehr wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden.[27] Wie Stephen Gowans es ausdrückte: „So enden Wettbewerbe. Mit dem Sieg einer Seite, mit dem gleichzeitigen Rückzug beider Seiten oder mit dem gegenseitigen Ruin beider Seiten. Sie enden nicht in einem gerechten Frieden.“ (Von uns aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt – Anm. d. Übersetzers)[28] Marxisten sollten sich daran erinnern, dass Imperialismus nicht immer mit dem Abwurf von Bomben oder physischen Konflikten einhergehen muss und auch nicht darauf beschränkt ist; denn auch sein wirtschaftliches Wesen sollte nicht vergessen werden, ebenso wenig wie der kapitalistische Zwang, so viele Teile des Planeten wie möglich zu beherrschen. Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten derzeit die stärkste imperiale Macht sind, ändert nichts an der Tatsache, dass Russland und China imperiale Ambitionen haben.

Wenn die Diktatur des Proletariats weltweit errichtet ist, dann können wir über Abrüstung sprechen. Aber in der Zwischenzeit wird die Bourgeoisie nicht einfach ihre Waffen niederlegen und friedlich kapitulieren, nur weil wir sie dazu auffordern. Als Marxisten müssen wir die Idee zurückweisen, dass Multipolarität die Antwort auf oder die bessere Alternative zur Unipolarität ist, da wir ja eigentlich eine nichtpolare kommunistische Welt fordern sollten. Sicherlich ist eine unipolare kapitalistische Welt mit den Vereinigten Staaten als dominierender Weltmacht nicht die Art von Welt, die Kommunisten anstreben, und daher besteht kein Zweifel, dass sie bekämpft werden muss. Allerdings haben wir auch kein Recht, aufstrebende imperiale Mächte dabei zu unterstützen, gegen das US-Imperium um einen „gerechten Anteil“ an der Aufteilung der Weltbeute unter sich zu agitieren. Den Aufstieg Russlands und Chinas zur Weltherrschaft zu bejubeln, wird den armen, unterdrückten Nationen gewiss nicht helfen, sich vom Joch des Imperialismus zu befreien. Es würde bestenfalls bezwecken, dass das US-Imperium seine kolonialen Besitztümer in die Hände des russischen und chinesischen Imperiums geben muss, die diese Beute dann unter sich aufzuteilen haben. Das führt auf keine Weise zur Unabhängigkeit der armen Länder der Dritten Welt. Sozialistische Revolutionen auf der ganzen Welt und die Abschaffung des Kapitalismus sind der einzige Schritt zur Beseitigung der Kriegstreiberei. Wenn die Welt kommunistisch wird, wird es keine Spaltung der Menschheit nach Klassen und Nationen mehr geben; dann werden die Kriege endlich aufhören.

  1. Gowans, Stephen (13. April 2022). The Mental Illness of Anachronistic Radical Socialism. What’s Left. Abgerufen von: https://gowans.blog/2022/04/13/the-mental-illness-of-anachronist-radical-socialism/
  2. Lorincz, Tamara (17. Januar 2023). Liberal government will regret purchase of unreliable and unaffordable F-35 fighter jets. Toronto Star. Abgerufen von: https://www.thestar.com/opinion/contributors/2023/01/17/liberal-government-will-regret-purchase-of-unreliable-and-unaffordable-f-35-fighter-jets.html
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  10. Lipton, E., Crowley, M., & Ismay, J. (18. Dezember 2022). Military Spending Surges, Creating New Boom for Arms Makers. The New York Times. Abgerufen von: https://www.nytimes.com/2022/12/18/us/politics/defense-contractors-ukraine-russia.html
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  13. Woods, Andrew (20. März 2019). The American Roots of Right-Wing Conspiracy. Commune. Abgerufen von: https://communemag.com/the-american-roots-of-a-right-wing-conspiracy/
  14. Craggs, Tommy (13. Februar 2023). Lyndon LaRouche Was the Godfather of Political Paranoia. His Cult Is Still Alive and Unwell. The New Republic. Abgerufen von: https://newrepublic.com/article/170290/lyndon-larouche-godfather-political-paranoia-cult-still-alive-unwell
  15. Godels, Greg (5. Juni 2022). The Peace Question and Imperialism. ZZ’s blog. Godels erklärt: “Ihnen [denjenigen, welche die Ukraine kritiklos unterstützen] stehen die besonneneren Genossinnen und Genossen gegenüber, die in Erinnerung an das Patt zwischen den USA und ihren Verbündeten, und der Sowjetunion und ihren Verbündeten im Kalten Krieg das heutige Russland mit der Sowjetunion in einen Topf werfen. Sie erkennen an, dass die Sowjetunion einen Pol des Widerstands darstellte, der die Pläne der imperialistischen Allianz des Kalten Krieges für die Welt konterkarierte und manchmal umkehrte. Der US-Imperialismus, die damals vorherrschende imperialistische Macht, wurde von der Sowjetunion von 1945 bis zum Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 wirksam in Schach gehalten. Diese Antiimperialisten sehen Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine als einen ähnlichen aufstrebenden Pol gegen den US-Imperialismus und betrachten die russische Invasion als Ausdruck eines Bruchs der absoluten militärischen und wirtschaftlichen Vorherrschaft der USA in der Welt, die nach dem Ende der Sowjetunion errichtet wurde. Für sie ist eine multipolare Welt im Entstehen begriffen.

    An dieser Ansicht ist etwas Wahres dran, aber Russland ist nicht die Sowjetunion. Es teilt nicht deren Ideologie; vielmehr ersetzen seine Motive den sowjetischen Internationalismus durch einen aufstrebenden Großmachtnationalismus. Es nutzt zwar die Risse in der globalen Hegemonie der USA aus, bietet aber keine alternative Vision oder bedingungslose Hilfe für die Opfer von Kapitalismus und Imperialismus. In dieser Hinsicht ist Russland auch kein Kuba.” (Von uns aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. – Anm. d. Übersetzers) Abgerufen von: https://zzs-blg.blogspot.com/2022/06/the-peace-question-and-imperialism.html
  16. Marx, Karl (1959). Die Metaphysik der politischen Ökonomie – Konkurrenz und Monopol. Das Elend der Philosophie. (Originalwerk veröffentlicht 1847). Abgerufen von: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Das+Elend+der+Philosophie/II.+Die+Metaphysik+der+politischen+%C3%96konomie/%C2%A7+3.+Konkurrenz+und+Monopol
  17. Lenin, Wladimir I. (1975). Über eine Karrikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“. Lenin Werke (Bd. 23). (Originalwerk veröffentlicht 1916). Abgerufen von: https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1916/carimarx/5.htm#v23pp64h-055
  18. Taylor, Mildred Europa (13. Dezember 2018). Somalia gives up its fishing rights to China. Face 2 Face Africa. Abgerufen von: https://face2faceafrica.com/article/somalia-gives-up-its-fishing-rights-to-china
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  21. Unruhe, Jason (27. Februar 2023). Multipolar Support for Russia Violates Leninism. [Video]. YouTube. Abgerufen von: https://youtu.be/Mg0Wd3n5hkQ
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  23. Zhou, Laura (1. Dezember 2021). China’s Skyrizon takes Ukraine to The Hague over failed Motor Sich bid. South China Morning Post. Abgerufen von: https://www.scmp.com/news/china/diplomacy/article/3157936/chinas-skyrizon-takes-ukraine-hague-over-failed-motor-sich-bid
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  26. Gowans, Stephen (12. Mai 2022). Why China Is Not Socialist. What’s Left. Abgerufen von: https://gowans.blog/2022/05/12/why-china-is-not-socialist/
  27. Marx, 1959.
  28. Gowans, Stephen (5. Dezember 2022). Would a Plan for a Just Peace in Ukraine Make Any Difference? What’s Left. Abgerufen von: https://gowans.blog/2022/12/05/would-a-just-peace-in-ukraine-make-any-difference/

Bannerbild: Gillray, James. The Plumb-pudding in danger, or, State Epicures taking un Petit Souper, 1805.

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