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“Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly

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alyPrairie Fire: „Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly

(llco.org)

„Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly aus dem Jahr 2005 ist ein bemerkenswertes Buch. Aly bricht darin mit der dogmatischen Sichtweise, die von vielen Mythenbildner aus dem „linken“ Milieu vertreten wird, nämlich dass die deutsche Arbeiterklasse Hitlers Tyrannei gehasst hätte. Es verzichtet auf diese weitverbreitete Mythologie, die sich bei fast allen Erstweltlern finden lässt, seien es Trotzkisten, Marxisten-Leninisten oder was auch immer. Aly legt gründlich dar, dass Hitlers Regime nicht auf Kosten, sondern gerade wegen der deutschen Arbeiterklasse gedeihen konnte. Hitlers Regime konnte seine Macht sogar dann noch erhalten, als ihm der Krieg zu verlieren drohte, ganz einfach weil es bei den Deutschen so beliebt war:

„Auf der Basis eines umfassenden Raub- und Rassenkrieges sorgte der nationale Sozialismus für ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Maß an Gleichheit und sozialer Aufwärtsmobilisierung das machte ihn populär und verbrecherisch. Das materiell üppige Sein, der indirekte, nicht persönlich verantwortete, doch gern genommene Vorteil aus den Großverbrechen bestimmte das Bewusstsein der meisten Deutschen von der Fürsorglichkeit ihres Regimes. Umgekehrt bezog die Politik der Vernichtung daraus ihre Energie: Sie orientierte sich am Volkswohl. Das Ausbleiben eines nennenswerten Widerstands und der Mangel an späterem Schuldbewusstsein erklärt sich aus derselben historischen Konstellation.“ (38)

Aly erklärt, wie die Eroberungskriege des faschistischen Regimes dazu benutzt wurden, den Lebensstandard des Durchschnittsdeutschen zu erhöhen. Das führte dazu, dass das Regime ziemlich beliebt wurde und schwächte jeglichen Widerstand gegen dessen Politik, einschließlich die radikal rassistische Politik. Die politischen Entscheidungsträger der Nazis waren sich durchaus bewusst, dass eine Verbindung zwischen den Eroberungskriegen, der Enteignung des Reichtums von den unterdrückten Völkern und dem innerstaatlichen sozialen Frieden bestand. Sie waren sich dieser Verbindung sogar in solchem Maße bewusst, dass sie sich bemühten, jede Einzelheit bei der Plünderung und Ausbeutung der eroberten Gebiete zu regeln, um sich so den konstanten Rückhalt in der deutschen Bevölkerung zu sichern. Alys Buch ist hilfreich für all diejenigen, die versuchen, die Beziehung zwischen der Ersten und der Dritten Welt zu verstehen. Genauso wie der einfache Deutsche von den deutschen Eroberungen profitierte, ziehen die Arbeiter der Ersten Welt einen immensen Nutzen aus der imperialistischen Weltordnung. Genauso wie das Nazi-Regime ein System entwickelte, das unterdrückten Völkern und Ländern ihres Reichtums beraubte, um ihn der deutschen Bevölkerung zugutekommen zu lassen, versuchen die politischen Entscheidungsträger in der Ersten Welt gegenwärtig die Völker der Ersten Welt auf Kosten der Dritten Welt zu übervorteilen. Das Buch ist für diejenigen hilfreich, die zu verstehen versuchen, wie sich die Klassenstruktur aufgrund des Imperialismus verändert hat.

Beliebt, jugendlich und radikal

Das Wort „Nazi“ wird für alle möglichen Dinge verwendet. Beinahe immer wird es mit einer brutalen, menschenverachtenden Diktatur in Verbindung gebracht. Obwohl das Nazi-Regime eine brutale und menschenverachtende Diktatur gegenüber denjenigen war, die es zu unterdrücken suchte, wurde es von den meisten Deutschen nicht auf diese Weise wahrgenommen. Die meisten Deutschen mussten die Kampfstiefel auch nie von unten sehen. Aly meint:

„Komplementär [zu Hitlers volkstümlicher Politik] entwickelte die NS-Führung früh eine fast ängstliche Sensibilität gegenüber dem genau beobachteten Stimmungsbarometer, weswegen sie die Konsumbedürfnisse immer wieder stützte – oft im Gegensatz zu ihren rüstungswirtschaftlichen Prioritäten.“ (27)

Aly vermittelt ein anderes Bild des Regimes, zumindest so wie es die Deutschen auch selber erlebt haben. Hitlers Regime war sehr volksnah, radikal und frisch. Man erlebte es nicht als einen Repräsentanten der alten, muffigen, konservativen Ordnung. Es wurde als sehr neu und andersartig empfunden. Die Revolution der Nazis betrachtete man als aufregend, besonders galt das für die Jungen. Zum Beispiel:

„Zum Zeitpunkt der Machtübernahme 1933 war Joseph Goebbels 35 Jahre alt, Reinhard Heydrich 28, Albert Speer 27, Adolf Eichmann 26, Joseph Mengele 21, Heinrich Himmler und Hans Frank waren 32. Hermann Göring – einer der Älteren – hatte gerade den 40. Geburtstag gefeiert.“ (12)

Später im Zweiten Weltkrieg war das Durchschnittsalter laut einer statistischen Erhebung in der mittleren Schicht der Parteiführung 34 und innerhalb des Staates 44 Jahre. (12) Die Führungspersonen der Nazis gehörten zu den jüngsten der Welt. Deutsche mit 20 oder 30 spielten in der obersten Liga der Staatspolitik. Junge Nazis formten die Welt. Sie entschieden über das Schicksal von Völkern und Nationen. Die meisten Deutschen betrachteten das Regime nicht als erdrückend und repressiv, es gestaltete für sie eine junge und mutige neue Welt:

„Für die Mehrzahl der jungen Deutschen bedeutete der Nationalsozialismus nicht Diktatur, Redeverbot und Unterdrückung, sondern Freiheit und Abenteuer.“ (12)

Sogar während des Krieges war das Regime beliebt:

„Die deutsche Führung schuf und garantierte einen Kriegssozialismus, der auf die Loyalität der kleinen Leute zielte.“ (68)

Das Regime war nicht von einem konservativen Pessimismus beherrscht, sondern von jugendlichem Optimismus, der darauf zielte, die alten Spaltungen der deutschen Gesellschaft zu überwinden. Das Regime betrachtete diese traditionellen Spaltungen und Unterschiede unter den Deutschen als eines der Probleme, denen die Nation entgegentreten musste. Der jugendliche Geist des Regimes ließ erahnen, dass es mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ehrgeizige Sozialprogramme auf die Beine stellen würde, um diese Spaltungen zu überwinden. Das Regime legte viel Wert auf Einheit und den sozialen Frieden, mindestens innerhalb der deutschen Bevölkerung. Dieser Frieden wurde aber auf Kosten anderer Völker erkauft. Obwohl die Nazi-Ideologie die Ungleichheit der Rassen predigte, haben sie der Gleichheit unter den Deutschen eine große Bedeutung beigemessen. Dies sollte der „sozialistische“ Aspekt des „nationalen Sozialismus“ sein. In Wirklichkeit aber war nichts wirklich sozialistisch am Nazi-Regime. Es gibt keinen „nationalen Sozialismus“; der einzige wahre Sozialismus ist internationalistisch. Echter Sozialismus repräsentiert nicht nur die Interessen der Arbeiter einer einzigen Nation. Echter Sozialismus repräsentiert die Interessen des Proletariats, der internationalen revolutionären Klasse. Sozialismus und Kommunismus darf auf keinen Fall mit Nationalismus verwechselt werden.

Schulden, Steuern, Arisierung

Als das Nazi-Regime mit ihrer Aufrüstung begann, verschuldete es sich extensiv. Noch während das Regime sich aufrüstete, und sogar als es in den Krieg zog, versuchte es, die Deutschen von der Last der Kosten zu befreien. Das Regime versuchte, den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten. Während dem 1. Weltkrieg, zwischen 1914 und 1918, sank der Lebensstandard der Deutschen um durchschnittlich fast 65 Prozent. Das Reich wollte keine Wiederholung dieser misslichen Lage, während es sich für den 2. Weltkrieg rüstete. (34) 1939 setzte ein Nazi-Gesetz fest: „Bei der Bemessung des Familienunterhalts sind die bisherigen Lebensverhältnisse und das im Frieden bezogene Einkommen der Angehörigen der Wehrmacht zu berücksichtigen.“ (87) Das Nazi-Regime erstrebte eine „klassenbewusste Verteilung der Lasten zum Vorteil der sozial Schwächeren“ in den Jahren vor dem Krieg und danach. (37) Das Regime erreichte dies in vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel wurde die Steuerpolitik des Nazi-Regimes umgestaltet, um die steuerliche Last der einfachen Deutschen zu mindern. (69) Die Nazi-Führung lehnte eine Steuerpolitik ab, die ihr nicht die Unterstützung des Volkes sichern konnte. (70) Die Nazis führten eine progressive Besteuerung ein, um sich die Unterstützung des Volkes zu sichern. Ein Stimmungsbericht der Nazis von 1943 zeigt den Erfolg: „Die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung ist gut. Die Leute zahlen ihre Schulden, Hypotheken werden zurückgezahlt und gelöscht, Zwangsvollstreckungen sind ganz zurückgegangen.“ (74) Insbesondere wurden die deutschen Bauern mit Steuererleichterungen und Subventionen begünstigt. (71) Gleichzeitig hoben die Nazis die Steuerlast der Wohlhabenden an. „Im Haushaltsjahr 1942/43 verstärkte sich der Trend [der Besteuerung von Unternehmen und Bezieher hoher Einkommen].“ (79) Hitlers Besteuerung wandte sich auch gegen solche, die ein „müheloses Einkommen“ durch Erträge aus Aktiengeschäften und Börsengewinnen erwirtschafteten. (82) Die Industriellen beklagten sich, dass 1943 das Nazi-Regime 80 bis 90 Prozent der Unternehmensgewinne abschöpfte. Auch wenn diese Angaben übertrieben sind, sie lassen dennoch die Bemühungen der Nazis durchblicken, den sozialen Frieden im eigenen Land aufrechterhalten zu wollen. (85)

Die Nazis hielten den sozialen Frieden zusätzlich auch damit aufrecht, dass sie die Sozialhilfe und die staatlichen Zuschüsse erhöhten. Sie votierten für eine Erhöhung der Sozialprogramme und der Renten, was besonders den Kleinrentnern zugutekam. Sie forderten die „Gleichstellung von Angestellten und Arbeitern“, um ihnen damit einen Vorgeschmack auf die harmonische Friedenszukunft zu geben. Diese Zukunft würde durch eine „großzügige, den Interessen der arbeitenden Bevölkerung gerecht werdende Reform der Sozialversicherungen“ erreicht werden. Immer wieder intervenierte der eher ideologische Flügel des Regimes gegen den pragmatischen Flügel. Der soziale Friede und die Sozialleistungen konnten häufig gegenüber einer haushaltspolitischen Verantwortung durchgesetzt werden. Trotz Finanzierungsproblemen schritten Leute wie Martin Bormann, Albert Speer, Heinrich Himmler und Reichsernährungsminister Herbert Backe zugunsten der kleinen, deutschen Leute ein. Hitler hatte anscheinend keine Gelegenheit, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. (71-73)

Während das Regime sich aufrüstete, Krieg führte und gleichzeitig versuchte, den sozialen Frieden zu erhalten, verschuldete es sich dermaßen, dass ihm der finanzielle Zusammenbruch bevorstand. Die Nazis nahmen von in- und ausländischen Quellen Kredite auf. Schließlich setzten sie die besetzten Länder unter Druck, dem Regime größere Summen zu „leihen“. Die Nazis hatten aber nicht die Absicht, diese Summen wieder zurückzuzahlen und verbuchten sie als Umsatz. (329) Sie versuchten jeden möglichen Finanztrick, um das wahre Ausmaß ihrer Mittelbeschaffung zu verschleiern. Göring erklärte 1938: „[Ich weiß nicht], wie ich meinen Vierjahresplan, also die deutsche Wirtschaft, in Ordnung halten soll.“ (59) Das Geldleihen erreichte einen Punkt, an dem die einzige Lösung, um die deutsche Wirtschaft noch am Laufen zu halten, die finanzielle Ausschlachtung der jüdischen Bevölkerung und später auch anderer Völker war. Die Ausschlachtung jüdischer Vermögen wurde als „Arisierung“ bezeichnet. Aly schreibt:

„In dieser Lage fiel ihr Blick auf das Eigentum der Juden, das sie kurzerhand dem sogenannten Volksvermögen zuschlugen. Dabei handelte es sich um einen hoch ideologisierten, nicht nur in Deutschland gebräuchlichen Begriff der Epoche, in dem die Möglichkeit zur Enteignung von „Volksfremden“ und „Volksfeinden“ definitorisch mitschwang.“ (54)

Aly schreibt:

„[Vater Staat] verabreichte materielle Streicheleinheiten. Die politische Führung hielt die Beamten dezidiert dazu an, ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Volksgesamtheit entsprechend mit größtem Verständnis für die Sorgen und Nöte von Familienangehörigen der an der Front kämpfenden Soldaten zu handeln.“ (87)

Die Arisierung war die Überführung von jüdischem Vermögen in die Hände des Regimes und in die Hände des Durchschnittsdeutschen. (54) Das Regime erstrebte die „endgültige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ und „die Umwandlung des jüdischen Vermögens in Deutschland in Werte, die keinen wirtschaftlichen Einfluss mehr gestatten“. (57)

„[Die Arisierung war] ein groß angelegter, gesamteuropäischer Geldwäschevorgang zum Vorteil Deutschlands, der sich in jedem Land etwas anders gestaltete. […] Mit einem immer gleichen Ziel: die deutsche Kriegskasse. So konnten gewisse Spitzenlasten gedeckt werden.“ (210)

Die Arisierung konnte unterschiedliche Formen annehmen, vom eindeutigen Raub der Vermögen und Terror gegen die jüdische Bevölkerung zu legalen und halblegalen Maßnahmen. Die Banken und andere Finanzinstitute unterstützten den Prozess. „Die Spitzen der deutschen Großbanken betätigen sich in diesem Fall nicht als Räuber, wohl aber als Gehilfen, als konstruktive Mitorganisatoren, die das effektivste Enteignungsverfahren gewährleisteten.“ (65) Oft war der Transfer nur oberflächlich getarnt. Zum Beispiel zwang das Regime die Juden zum Eintausch ihrer Vermögenswerte in Staatspapiere. Auf dem Papier wurden die Juden entschädigt. (57) Göring erläutert:

„Der Jude wird aus der Wirtschaft ausgeschieden und tritt seine Wirtschaftsgüter an den Staat ab. Er wird dafür entschädigt. Die Entschädigung wird im Schuldbuch vermerkt und zu einem bestimmten Prozentsatz verzinst. Davon hat er zu leben.“ (58)

Letztendlich würde die jüdische Bevölkerung ins Exil gedrängt oder im Holocaust vernichtet werden, ohne jemals ihr Eigentum zurückzubekommen. Laut einer Gesamtrechnung, die die Werte, die nicht als Hausbesitz oder Betriebsvermögen gebunden waren, ausschloss, beliefen sich zum Beispiel 1938 die jüdischen Vermögen auf 4.8 Milliarden Reichsmark, auf welche das Regime nach Belieben zugreifen konnte. (62) Dieser Vorgang wurde immer wieder wiederholt. Er half dem Staat, zahlungsfähig zu bleiben. Der Staat ergriff Präventivmaßnahmen für den Fall, dass die Juden versuchen würden, zu fliehen oder ihre Vermögen aus Deutschland herauszuziehen. 1938 verschickte der Staat einen Erlass mit dem Inhalt, dass u. a. die jüdischen Vermögen direkt in die Kasse des Reichs einfahren sollten. (57) Das Eigentum der deutschen Juden wurden billig auf lokalen Märkten verkauft, womit gleichzeitig die Kriegskasse des Regimes und die sozialdemokratische Politik finanziert wurde. (59) Die Bibliothekarin Gertrud Seydelmann erinnert sich an die Auktionen von arisierten Gütern in den proletarischen Vierteln von Hamburg:

„Die einfachen Hausfrauen auf der Veddel trugen plötzlich Pelzmäntel, handelten mit Kaffee und Schmuck, hatten alte Möbel und Teppiche aus dem Hafen, aus Holland, aus Frankreich… Einige meiner Leser forderten auch mich auf, mich im Hafen mit Teppichen, Möbeln, Schmuck und Pelzen einzudecken. Es war das geraubte Eigentum holländischer Juden, die – wie ich nach dem Kriege erfahren sollte – schon in die Gaskammern abtransportiert waren.“ (154)

Aly schreibt:

„Da die jüdischen Vermögen verkauft wurden, befriedigte die Prozedur zweierlei Bedürfnisse: Einmal konnten auf den Kapital-, Immobilien- und Trödelmärkten wie im Einzelhandel zusätzliche Waren angeboten und das überall stark angewachsene Bedürfnis nach Dingen des täglichen Bedarfs und nach Sachwerten befriedigt werden. Die dabei erzielten Einnahmen verbesserten die Kassenlage der besetzten und abhängigen Länder. Über verschiedene Umwege flossen die Gelder dann ganz oder teilweise in den deutschen Kriegshaushalt. Die Vermögenstransformation nutzte vielen.“ (316)

Das Regime versuchte, den Raub der jüdischen Vermögen mit ihrer rassistischen, aber ebenso sozialdemokratischen Ideologie zu rechtfertigen. Diejenigen, die auf sozialdemokratische Reformen drängten, waren genau diejenigen, die am meisten auf Völkermord drängten. Die beiden Punkte waren miteinander verkoppelt. (73) 1938 erklärte Innenminister Wilhelm Frick:

„Das z. Zt. in jüdischen Händen befindliche Vermögen ist als deutsches Vermögen anzusehen. Jede Entwertung oder Verminderung dieses Vermögens bedeutet daher eine Verminderung des deutschen Volksvermögens.“ (59)

Die Liquidierung der jüdischen Besitzes bremste ebenfalls die Kriegsinflation. Es verminderte nicht nur die Steuerlast der Deutschen, aus dem Raub ergaben sich noch viele weitere Vorteile. (212) Die Arisierung der Vermögen half dabei, die Wirtschaft am Laufen zu halten, sie vermehrte den Luxus, der für die deutsche Bevölkerung nun zugänglich wurde und ließen staatliche Unterstützungen und Zuschüsse nur so sprudeln. Eine solche Politik war beim deutschen Steuerzahler beliebt. Die Arisierung Deutschlands sollte später zum Model einer noch ehrgeizigeren Arisierung des besetzten Europas werden. (61-63)

Krieg, Besatzung und Raub

Sogar in der heißesten Phase des Krieges waren die Deutschen generell mit den Gegebenheiten zufrieden. Genauso wie die Nazis die jüdischen Vermögen ausschlachteten, um den sozialen Frieden zu erhalten, schröpften sie Gelder aus den von Deutschland besetzten Ländern. Aly schreibt:

„Wie aber wurde der kostspieligste Krieg der Weltgeschichte bezahlt, wenn die Mehrheit davon so wenig wie nur möglich spüren sollte? Die Antwort liegt auf der Hand: Hitler schonte den Durchschnittsarier auf Kosten der Lebensgrundlage anderer.“ (37)

„Das Regime brauchte die ständige kriegerische Destabilisierung der Peripherie, um im Innern den Anschein von Stabilität vorzutäuschen.“ (53)

Das Regime entwickelte ausgeklügelte Methoden, um die Kriegskosten zu decken und die Gelder aus den von Deutschland besetzten Gebieten fließen zu lassen, womit die Deutschen bei Laune gehalten werden konnten. Der eine Weg, auf dem das Regime dies erreichte, war, indem es die besetzten Gebiete zwang, für die eigene Besatzung aufzukommen.

„Im Zweiten Weltkrieg erlegte Deutschland Europa beispiellose Besatzungskosten und Kontributionen auf, dazu Zwangskredite sowie sogenannte Matrikularbeiträge. Die Kriegslasten überstiegen den letzten Friedenshaushalt eines besetzten Landes sehr schnell und in aller Regel um mehr als 100, in der zweiten Kriegshälfte oft um mehr als 200 Prozent.“ (95)

„1943 setzten sich die Kriegseinnahmen des Reiches […] weit überwiegend aus Geldern zusammen, die im Ausland hereingeholt, im Inland von ausländischen Zwangsarbeitern abgepresst oder den zu Juden und Staatsfeinden Erklärten genommen wurden. Das verbesserte die deutsche Kriegsfinanzierung grundlegend.“ (98)

Diese Besatzungskosten wurden als Vorwand gebraucht, um einen immer höheren Tribut von den Unterworfenen zu verlangen. Zum Beispielt monierten die Franzosen, dass die an Deutschland als Besatzungskosten gezahlten Summen für Ausgaben verwendet wurden, die nichts mit dem Unterhalt der Besatzungstruppen zu tun hatten. (96) In Griechenland tilgte die Ausplünderung 1941 „etwa 40 % des griechischen Realeinkommens“. (278) Dies war Teil eines größeren Prozesses, der die Verschiebung der Kriegslasten von den Deutschen auf andere Völker zum Ziel hatte.

Der andere Weg, die Kosten zu decken und die unter der Besatzung lebenden Menschen auszuplündern, war durch die Aneignung von vor Ort benötigtem Material in den besetzten Ländern. Die Deutschen führten Reichskreditkassenscheine ein, eine Art Schuldschein für Dienstleistungen und Güter, der von den Besatzern verwendet wurde. Sie wurden gebraucht, um zu verhindern, dass das Militär sich die Güter gewaltsam aneignen musste. Diese Scheine gaben dem Raub einen legalen Anstrich, einen Anschein von Legitimität. Die Einführung der Scheine war die Einführung einer zweiten Währung:

„Vermittelt über den von deutschen Bajonetten durchgesetzten Umtauschanspruch des Geldzeichens Reichskreditkassenschein in die landeseigene Primärwährung entstand zunächst ein kaum fassbarer Verlust für die gesamte französische Volkswirtschaft, dem ein entsprechender Gewinn zum Vorteil der deutschen Volkswirtschaft gegenüberstand.“ (105)

Dies wurde in den anderen besetzten Gebieten wiederholt. Die zweite Währung machte den kurzfristigen Geldtransfer einfacher, aber hatte die Destabilisierung der lokalen Währungen der besetzten Länder zur Folge. Dies machte den langfristigen Geldtransfer schwieriger, weil die Einführung einer zweiten, von den Deutschen kontrollierten Währung die jeweiligen Volkswirtschaften der besetzten Länder ruinierte. Die Einführung der Reichskreditkassenscheine leistete aber gute Dienste dabei, die kurzfristige Ausplünderung der besetzten Länder zu optimieren. 1943 wurden die Scheine wieder aus dem Verkehr gezogen, um den französischen Franc zu retten. (106) Dieses Hin und Her war Teil eines fortdauernden Konflikts zwischen politischen Entscheidungsträgern. Die einen versuchten so viel Geld wie möglich nach Deutschland zu überweisen, um die Kriegskosten zu decken und die Deutschen bei Laune zu halten. Die anderen erkannten, dass es für die Deutschen letztlich vorteilhafter wäre, wenn die Volkswirtschaften der besetzten Länder stabil blieben. Es könnte dann auf längere Sicht mehr Geld nach Deutschland abgesaugt werden.

Die Ausplünderung wurde auch mit weiteren Finanztricks fortgesetzt, die den Deutschen auf Kosten der besetzten Ländern finanziell zugutekamen. Die nationalsozialistische Besatzungsmacht verschleierte die Ausplünderung der besetzten Länder mithilfe von Währungsmanipulationen zugunsten der Deutschen. Die Deutschen manipulierten den Währungskurs bewusst zu ihren Gunsten. Die Währungsmanipulationen nützen sowohl der deutschen Volkswirtschaft als auch den Wehrmachtsoldaten in den besetzten Ländern. Deutschland stützte sich auf den Import von Rohstoffen, um die Kriegstreiberei und die einheimische Industrie am Laufen zu halten. Die Währungsmanipulationen machten den Kauf und den Export von Gütern für Deutsche billiger. Sie steigerten die Kaufkraft deutscher Soldaten in den besetzten Gebieten, was ihnen ermöglichte, eine größere Menge an Dingen des täglichen Bedarfs zu kaufen und sie auch in größeren Mengen nach Deutschland zu schicken. Die Manipulation fremder Währungen sicherte eine gute Versorgung der deutschen Konsumenten und füllte die deutsche Kriegskasse. (97-102)

Plündern per Post

Die deutschen Soldaten räumten die Regale der besetzten Länder leer. Sie plünderten und raubten. Sie zahlten aber auch für Waren, die radikal unterbewertet wurden. Die deutsche Politik war darauf ausgelegt, die Volkswirtschaften der besetzten Länder zu ruinieren, um so den Geldtransfer im großen Stil nach Deutschland zu erleichtern. Damit wurde die Steigerung der Kaufkraft der deutschen Soldaten bezweckt. Die Waren, die sich die Soldaten der Wehrmacht aneigneten, wurden von den Soldaten selber konsumiert oder in Päckchen „für die Lieben zu Hause“ nach Deutschland geschickt. Auch brachten die Soldaten Waren mit sich, wenn sie nach Hause zurückkehrten. Viele Zeitzeugen blicken mit Wehmut auf die Zeit zurück, als der Krieg einen Überfluss von Luxusgütern aus allen Herren Länder erzeugte. Mit solchen Waren, die aus den besetzten Ländern stammten, wurde „angegeben und geprahlt“. Aly zitiert eine deutsche Zeitzeugin:

„Ich erinnere mich an viele schöne Dinge die Verwandte und Freundinnen – stolz – herzeigten aus Paketen und Päckchen von ‚draußen’. […] Das Ansehen der Absender erhöhte sich sichtbar und wurde mit denjenigen verglichen, die nichts mitbrachten.“ (117)

Gesetze wurden geändert, um den reibungslosen Einstrom von Geldern nach Deutschland zu fördern. Finanzstaatssekretär Fritz Reinhardt schritt ein, um Beschwerden, die zum Beispiel an der ostpreußischen Grenze aufkamen, zu unterbinden. Er erließ die Verfügung: „Es ist der Wille des Führers, dass möglichst viele Lebensmittel aus den besetzten Ostgebieten in die Heimat gebracht werden und dass seitens der Zolldienststellen großzügig verfahren wird.“ (127) Ebenso wurde die Zollgrenze zwischen dem Reich und dem Protektorat Böhmen und Mähren aufgehoben. Dies verursachte eine „hemmungslose Kaufwut“ unter den deutschen Soldaten. Ein deutscher Beamter berichtet: „Die Gepäcknetze der Schnellzüge nach dem Reich sind jetzt ständig bis zur Decke gefüllt mit schweren Koffern, unförmigen Paketen und prallen Taschen.“ Man finde selbst im Gepäck von Offizieren und hohen Beamten die „erstaunlichsten Handelswaren – Pelze, Uhren, Medikamente, Schuhe – in geradezu unvorstellbarer Menge.“ (117) Ein Historiker beschreibt detailliert das, was der französische Volksmund als „Kartoffelkäfer“ bezeichnete:

„Bepackt mit schweren Paketen fuhren die deutschen Soldaten vom gare de l’Est in den Heimaturlaub, ihr Gepäck war mit Damenwäsche gefüllt, mit Pariser Spezialitäten aller Art und mit Luxusgütern. Zwar handelte es sich um viele kleine Einkäufe, doch schadeten sie der französischen Volkswirtschaft erheblich. Deshalb entwickelten sich Schwarzmarkt und Inflation, deshalb wurde es für die einfachen Franzosen immer schwieriger, das Lebensnotwendige einzukaufen.“ (119)

1942 entbrannte eine Debatte über das Versagen, die Zollvorschriften durchzusetzen. Göring verlangte: „Herr Reinhardt, geben Sie Ihre Zölle auf. Die interessieren mich nicht mehr. […] Es ist mir lieber, es kommen ungeheure Massen geschmuggelt herein, als dass verzollt nichts hereinkommt.“ (126) Die Nazi-Führung trat gegen die Bürokratie und zugunsten des einfachen Deutschen an. Folglich profitierte der einfache Deutsche von der Besatzung der unterworfenen Völkern auf eine sehr direkte und handfeste Weise.

Wieder entstanden Konflikte zwischen denjenigen, die dem einfachen Deutschen mit unmittelbarem Raub unter die Arme greifen wollten und denjenigen, die eine langfristige Vorgehensweise im Sinn hatten. In diese Debatte warf Göring hinein:

„Es wurde auch gesagt, man dürfe den Soldaten um Gottes willen nicht ihren Wehrsold usw. auszahlen, sonst käme in Frankreich eine Inflation. Ich wünsche mir nichts anderes. Es soll eine kommen, dass es nur so kracht. Der Franken soll nicht mehr wert sein als ein gewisses Papier für gewisse Zwecke. Dann erst ist Frankreich so getroffen, wie wir Frankreich treffen wollen.“ (126)

Während des Krieges und der Besatzung entbrannten im Regime durchwegs Debatten darüber, wie die Gelder am besten aus den besiegten und besetzten Länder hinausgezogen werden konnten. Die Bürokraten erwogen das Für und Wider der kurz- und langfristigen Strategien. Die Nazis legten den Schwerpunkt bewusst auf eine Besatzungspolitik, die dem deutschen Staat, aber genauso dem einfachen Deutschen nützte und den sozialen Frieden wahrte.

Sklaverei

Geschätzte 8 bis 12 Millionen Sklavenarbeiter, größtenteils aus Osteuropa, schufteten für das Nazi-Regime. Sie schufteten unter gefährlichen und unmenschlichen Bedingungen, oftmals in der deutschen Rüstungsindustrie. In den berüchtigtsten Fällen sollten die Zwangsarbeiter in deutschen und deutschgesteuerten Unternehmen und Organisationen, insbesondere im Osten, „unter sklavischen Lebensbedingungen schuftend, verschrottet werden.“ (187) Sogar Kapitalisten äußerten darüber gelegentlich ihren Unmut. Die Bedingungen für die Zwangsarbeiter waren mitunter so schlimm, dass auch deutsche Firmen gegen eine solche Behandlung protestierten. Zum Beispiel beklagten sich deutsche Firmen in Ostpreußen, dass bei den polnischen Arbeitern keine Motivation zur Arbeit mehr vorhanden war, weil diese so brutal ausgebeutet wurden. Sie beschwerten sich beim Nazi-Regime, dass, weil das System derart brutal war, ihre Fähigkeit zu produzieren behindert würde. In einigen Fällen erhielten diese Arbeiter einen symbolischen „Lohn“, welcher aber 15 bis 40 Prozent tiefer war als derjenige des Durchschnittsdeutschen. Man „bezahlte“ die Arbeiter zu PR-Zwecken. Um sich vor Kritik zu schützen. In Wirklichkeit jedoch erfanden die Behörden mehrere Systeme, um die Zwangsarbeiter zu betrügen und deren „Lohn“ zu beschlagnahmen. Zum Beispiel verschleppten die Deutschen im September 1943, als sie Norditalien besetzten, mehr als eine halbe Million Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit. Der Lohn wurde auf ein „Lohnersparniskonto“ überwiesen, vorgeblich damit die Familie des Arbeiters die Gelder abheben konnte. Der Lohn kam aber nie bei den Familien der Zwangsarbeiter an. Stattdessen wurden die Gelder mehr oder weniger verborgen in Reichsschatzanweisungen umgewandelt zum angeblichen Ausgleich äußerer Besatzungskosten. (182-187)

Die Deutschen raubten den Zwangsarbeitern ihren Besitz. Zum Beispiel als die Zwangsarbeiter in der Ukraine verpflichtet wurden, „zurückbleibendes Hab und Gut sowie Bargeld“ auszuhändigen und zu verkaufen. „Das lebende Inventar (Pferde, Kühe, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse usw.), Heu, Stroh und Feldfrüchte“, waren dem örtlich zuständigen Wirtschaftskommando der Wehrmacht „zum Verkauf anzubieten“. Der Erlös aus dem Verkauf der Besitztümer der Zwangsarbeiter fand schließlich den Weg in die deutsche Staatskasse. Theoretisch würden die Gelder ihren Besitzer zu einem späteren Zeitpunkt wieder ausgehändigt werden. Praktisch gelangten die Gelder ausschließlich auf deutsche Konten. Dieses Muster wurde immer wieder wiederholt. Diese Ausplünderung, Ausbeutung und Besteuerung der Zwangsarbeiter nützte letzten Endes der deutschen Bevölkerung. Es gab den deutschen Sozialhilfeprogrammen, die knapp bei Kasse waren, einen starken Auftrieb. (183-184)

Fette Deutsche und Hunger im Osten

Die Nazis verordneten eine Politik der vollständigen Ausplünderung mit dem Zweck, den Deutschen unter die Arme zu greifen und andererseits die feindliche Bevölkerung auszulöschen. 1941 gab Göring die Order aus: „Grundsätzlich sollen in den besetzten Gebieten nur diejenigen in der entsprechenden Ernährung gesichert werden, die für uns arbeiten.“ Er befahl „rücksichtslose Sparmaßnahmen“, um den Lebensmittelnachschub für Deutschland zu sichern. Die Ersten, die von dieser Politik betroffen waren, waren die sowjetischen Kriegsgefangenen. Goebbels notierte sich: „Es spielen sich dort Hungerkatastrophen ab, die jeder Beschreibung spotten.“ In Riga unterhielten sich Wehrmachtoffiziere über ihren „Auftrag, die russischen Kriegsgefangenen verhungern und erfrieren zu lassen.“ Bis zum 1. Februar 1942 sind 2 von 3.3 Millionen gefangenen Soldaten der Roten Armee, also 60 Prozent, in deutschen Lagern oder während der Transporte umgekommen. (201)

Diese Hungerpolitik gegen sowjetische Kriegsgefangene und Juden wurde auch gegen die Einwohner sowjetischer Städte angewandt. 1942 hielt Göring eine Rede zum Erntedankfest, er teilte mit, dass „wir unsere gesamten Truppen aus den besetzten Gebieten ernähren.“ Des Weiteren kündigte er an, dass die Lebensmittelrationen erhöht werden würden und versprach für Weihnachten eine „Sonderzuteilung“. Göring sagte wörtlich: „Von heute ab wird es dauernd besser werden; denn die Gebiete fruchtbarster Erde besitzen wir. Eier, Butter, Mehl, das gibt es dort in einem Ausmaß, wie Sie es sich nicht vorstellen können.“ Man meldete Kommentare der Art: „Göring sprach zum Herzen und zum Magen.“ Hitler seinerseits kündigte eine „Erschließung des Ostraums“ an, welche schon bald wieder zu „friedensmäßigen Zuständen“ führen werde. Er versprach, dass „der Krieg ohne größere Einschränkungen bis zu seinem siegreichen Ende durchzustehen“ sei. (202) Aly gibt einige repräsentative Statistiken wieder, die zeigen, wie viele Nahrungsgüter aus der Besatzung herausgeholt wurden.

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Lebensmittel, die von den Deutschen binnen zwei Jahren in der Sowjetunion geraubt wurden in Getreideeinheiten (GE).

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1942 gab ein Angestellter Auskunft darüber, dass seine Arbeit darin bestand, „die Heimat vom Nachschub so weit als irgend möglich“ zu entlasten. (205) Alles, was übrig blieb und „die Wehrmacht im Augenblick nicht verarzten konnte“, wurde nach Deutschland geschickt.

„Ins Reich kommen in rauen Mengen Weizen, Sonnenblumenkerne, Sonnenblumenöl und Eier zur Verfrachtung. Wenn also in der kommenden Lebensmittel-Dekade im Reich, wie mir meine Frau schreibt, Sonnenblumenkernöl zur Ausgabe gelangt, so kann ich mit einigem Stolz sagen, dass ich maßgeblich an dieser Aktion beteiligt bin.“ (206)

1942 kamen zusätzliche Nahrungsmittel von der Front nach Hause, hauptsächlich für deutsche Schwerarbeiter, Schwangere, arische Senioren und Säuglinge. Nicht zuletzt profitierte auch der sprichwörtliche Otto Normalverbraucher. Der Zugang zu Nahrungsmittel und die Kaufkraft stieg in Folge dieses Nahrungsmittelraubes an. Nach dem Krieg erinnerte sich eine Deutsche: „Im Krieg haben wir nicht gehungert, da funktionierte alles! Erst danach wurde es schlimm.“ (206)

Deutscher nationaler „Sozialismus“

Die Nazis versuchten, die Interessen der Deutschen durchzusetzen, indem sie ein großes, deutschzentriertes Reich schufen. Diese Vorstellung war an die Unterjochung der anderen Völker gekoppelt, was den Genozid an den Juden und den osteuropäischen Völkern mit einschließt. Länder mussten unterworfen und deren Bevölkerungen zur Arbeit für die Deutschen gezwungen werden. Osteuropäische Völker mussten versklavt und ausgelöscht werden, damit ihr Land besiedelt werden konnte. Hitler verglich einmal seine Ambitionen gen Osten mit dem Genozid und der Expansion der Vereinigten Staaten in den Westen von Nordamerika. Diese Vorstellung bezweckte einen deutschen sozialen Frieden, sie bezweckte, den Lebensstandard der Durchschnittsdeutschen zu erhöhen. Aly schreibt:

„Das konstante Gerede vom Volk ohne Raum, von Kolonien und Weltgeltung, von Ostexpansion, wirtschaftlichen Ergänzungsräumen und so genannter Entjudung bezweckte am Ende immer das Eine: die Aussicht auf ein nicht selbst zu erarbeitendes Wachstum des allgemeinen deutschen Wohlstands, und das innerhalb kurzer Zeit.“ (353)

Heinrich Himmler als Siedlungskomissar des Reiches erklärte:

„Die fraglichen Gebiete sind in den Feldzügen dieses Krieges von dem ganzen Volke mit dem Schwert erobert worden […, so] dass die Früchte dieser Siege daher auch dem ganzen deutschen Volke zugute kommen müssen.“ (341)

Der Plan, die Deutschen in Osteuropa anzusiedeln, sollte zu einer Verminderung der Klassendifferenzen führen. (29) Die Verminderung von Spaltungen innerhalb der deutschen Gesellschaft und die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens bildeten ein wichtigen Teil der Nazi-Ideologie. Hitler versprach Gleichheit für jeden Volksgenossen. Während des Krieges war für jeden Volksgenossen gesorgt. 1940 meldete eine Beobachter der Sozialdemokratischen Partei aus Berlin: „Die Arbeiterschaft begrüßt es durchaus, dass die ‚besseren Leute’ praktisch aufhören, welche zu sein.“ Die Rationierungen während des Krieges förderten die Gleichheit unter den Deutschen. (358)

Ebenso war es Teil der Nazi-Politik, dem einfachen Deutschen den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Die Loyalität der Deutschen wurde durch eine progressive Steuerpolitik gesichert, welche die Arbeiter und die Deutschen aus der Unterschicht von dieser Last befreite. Ihre Loyalität wurde durch die Erhöhung der Löhne, der Kaufkraft und einen sicheren Zugang zu Konsumgütern gekauft. Die Nazi-Politik versuchte, im Interesse des deutschen Arbeiters zu handeln. Sie versuchten, die Privilegien, einst nur der Oberschicht vorbehalten, den unteren Schichten zugänglich zu machen. Zum Beispiel warb der in Berlin zuständige Gauwart der Deutschen Arbeitsfront mit aller Energie für die Interessen der Arbeiter:

„Wir wollen 1938 in immer stärkerem Maße alle die Volksgenossen erfassen, die auch heute noch glauben, eine Urlaubsfahrt sei nichts für den Arbeiter. Diese Zaghaftigkeit muss endlich überwunden werden.“ (19)

1943, mitten im Krieg, waren die Nazis darauf fixiert, die Deutschen bei Laune zu halten. Martin Bormann vermerkte: „[Der Führer betonte mehrfach] Die Kaufkraft der breiten Massen sei das Wesentliche!“ (74) Die Nazi-Politik war maßgeblich daran beteiligt, die Kosten von den Deutschen auf die unterworfenen Völker zu verschieben, aber ebenso auf die Oberschicht in Deutschland:

„Während in den Debatten um Kriegszuschläge auf die Lohnsteuer und die allgemeinen Verbrauchsteuern seit dem Herbst 1941 jeder Vorschlag zur Erhöhung an der politischen Führung scheiterte, galt das für die Besteuerung der Wohlhabenden nicht.“ (348)

All diese volksverbunden Maßnahmen vereinigten sich im nationalen „Sozialismus“. Das Nazi-Regime hielt die Deutschen wohlgenährt. Es verwandelte den Genozid und die Unterwerfung fremder Völker in eine Goldmine. Der einfache Deutsche machte bereitwillig mit. „Die Sorge um das Volkswohl der Deutschen bildete die entscheidende Triebkraft für die Politik des Terrorisierens, Versklavens, und Ausrottens.“ (345) Aly meint, dass die Tatsache, dass die Deutschen loyal blieben, wohl eher der Zustimmung ihrer Mägen zu verdanken war, als den ideologischen Parolen über die „Herrenrasse“. „Daraus zog die NS-Regierung einen Gewinn an durchschnittlicher Zufriedenheit der Reichsbürger, gleichgültig ob sie als Einzelne dem Regime eher nah oder fern standen.“ (347) Weil das Regime versuchte, im Interesse der einfachen Deutschen zu handeln, entstand „von unten“ nie ernsthafter Widerstand gegen die Machthaber. Aly verwirft das Märchen von einem angeblichen deutschen „Widerstand“ gegen Hitler:

„In der Kombination von genereller Fürsorglichkeit und exemplarischer Gewalt gegen so bezeichnete Volksschädlinge wurden die Deutschen nicht mehrheitlich zu Jubelnazis, eher schon zu Angepassten, die sich an den alltäglichen Mitnahmemöglichkeiten erfreuten, die das System ihnen bot. Doch reichte die so erzeugte passive Loyalität aus, um die innere Handlungsfähigkeit des NS-Staats bis zum Sommer 1944 zu gewährleisten.“ (339)

„Die mannigfaltigen […] Formen öffentlicher Habgier und nationalsozialer Bereicherung ermöglichten es, die Masse des Volkes mit einer Mischung aus milder Steuerpolitik, guter Versorgung und punktuellem Terror an den Rändern der Gesellschaft wenigstens ruhig zu stellen. Das stimmungspolitische Optimum, das die NS-Führer anstrebten, bildete allerdings die gute Laune der Deutschen.“ (360)

„Das folgenschwere, punktuell begründete Mitläufertum von Millionen Deutschen ließ sich, eben weil es auf wechselnden Teilaffinitäten beruhte, hinterher spielend in – historisch wirkungslosen – ‚Widerstand’ umformulieren.“ (356)

Der fehlende Widerstand widerspiegelte sich auch in der Größe der Gestapo:

„[D]ie Gestapo zählte 1937 einschließlich der Sekretärinnen und Verwaltungskräfte knapp 7000 Mitarbeiter, der SD deutlich weniger. Sie reichten, um 60 Millionen im Auge zu behalten. Die allermeisten bedurften keiner Überwachung.“ (27)

Die Parallelen zur heutigen Situation sind offensichtlich. Genauso wie Hitler die deutsche Bevölkerung auf dem Rücken der unterworfenen Völker trug, leben die Menschen der Ersten Welt auf dem Rücken der Menschen der Dritten Welt. Genauso wie man vergeblich auf eine Revolution der deutschen Arbeiter gegen Hitler wartete, wartet man vergeblich auf eine Revolution der Arbeiter der Ersten Welt. Die Nazis wurden nicht von innen heraus besiegt, sie mussten von außen geschlagen werden, namentlich von der Roten Armee. Die deutschen Arbeiter traten dem Nazi-Regime nicht entgegen, weil sie von diesem profitierten. Sie beteiligten sich bereitwillig an der Ausschlachtung fremder Völker. In der heutigen Zeit verschwören sich die Menschen der Ersten Welt, als Ganzes gesehen, zusammen mit ihren eigenen Regenten gegen die Menschen der Dritten Welt. Wir sind mitten in einem weiteren Weltkrieg, in einem Krieg der Ersten gegen die Dritte Welt. Dieser Krieg nützt nur der Ersten Welt, zum Leidwesen der Dritten. Genauso wie Hitler von der Roten Armee bezwungen wurde, genauso muss auch die Erste Welt von einem globalen Volkskrieg bezwungen werden, angeführt von den Kommunisten des Leitenden Lichts.

Metaphysik vs. Materialismus

Karl Marx kritisierte bekanntlich die Idee, nach der die Geschichte als eine Folge von „Großen Männern“ erklärt wird. Statt die Geschichte als das Resultat Großer Männer oder deren Intrigen zu betrachten, betrachtete Marx sie wissenschaftlich. Marx betrachtete die Welt aus dem Blickwinkel der Macht. Marx versuchte, historische und soziale Phänomene auf die Machtverhältnisse der verschiedenen Klassen, Nationen und Geschlechter zurückzuverfolgen. Dies nannte Marx den historischen Materialismus. Aly wendet den historischen Materialismus auf die Frage an, wie der Nazismus überhaupt geschehen konnte:

„Eine Antwort auf die Frage ‚Wie konnte das geschehen?’ versperrt sich der nationalpädagogischen Reduktion auf einfache antifaschistische Merksätze. Sie lässt sich schwer auf Ausstellungswände kleben […]. Doch erscheint es notwendig, die NS-Herrschaft als nationalen Sozialismus in den Blick zu nehmen, um die immer neu sich belebende Projektion der Schuld auf einzelne Personen und genau umrissene Gruppen wenigstens zu stören: Mal werden als Hauptverantwortliche der wahnsinnige, gar kranke, angeblich charismatische Diktator und seine Paladine gebrandmarkt, mal die Rassenideologe […], für andere sind es – wahlweise oder in Kombination – Bankmanager, Konzernherren, Generäle oder dem Blutrausch ergebene Killereinheiten. [… Man] pflegte die unterschiedlichsten Abwehrstrategien. Doch bewirkten sie stets das Gleiche: Sie verschafften der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung eine ungestörte Gegenwart und ein ruhiges Gewissen.“ (39)

Aly erweitert unser Verständnis über die Beziehung zwischen Faschismus und Sozialdemokratie. Alys Buch läuft parallel zur Analyse der Komintern der 30er Jahre. Ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, Aly steht in der Tradition von Marxisten wie Rajani Palme Dutt und den Theorien des „Sozialfaschismus“. Aly wirft die „linken“ Dogmen beiseite. Stattdessen wird der Nazismus mit einem rücksichtslosen Blick auf dessen materiellen Ursprünge erklärt. Die Nazis repräsentierten eine Gruppierung von Gesellschaftskräften, zu denen auch die deutschen Arbeiter gehörten. Er zeigt, dass die deutschen Arbeiter die Nazis unterstützt haben. Und die Nazis den Gefallen erwidert haben. In Vielem sind sich die Nazi-Politik und ihre sozialdemokratische Opposition verblüffend ähnlich. Lenin war es, der die französischen und deutschen Sozialdemokraten kritisierte, als diese die Kriegsbestrebungen ihrer Heimatländer im 1. Weltkrieg unterstützten. Die Revisionisten gaben auf diese Weise ihren eigenen Leuten, ihren eigenen Arbeitern den Vorzug anstelle des globalen Proletariats. Im Gegensatz dazu befürwortete Lenin die These des revolutionären Defätismus. Lenin setzte auf die Niederlage des Zarenreiches in der Hoffnung, eine Niederlage in seinem imperialistischen Heimatland führe zu einer revolutionären Situation. Im Widerspruch zu Lenin stehend, waren die Revisionisten der Zweiten Internationale die Sozialimperialisten und Sozialfaschisten jener Zeit. Dem Namen nach waren sie Sozialisten, doch in Wirklichkeit waren sie Imperialisten. Auch der offizielle Name der Nazis war schließlich „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. In der heutigen Zeit ist das Erstweltlertum die Hauptform des Sozialimperialismus und des Sozialfaschismus. Die Nazis im 2. und die Sozialdemokraten im 1. Weltkrieg mögen eine marxistische Rhetorik verwendet haben, sie könnten sogar behauptet haben, sie kümmerten sich um die Dritte Welt; in Wirklichkeit jedoch suchen sie stets den Vorteil ihrer eigenen Bevölkerung auf Kosten der großen Mehrheit der Menschheit. Das Erstweltlertum hisst die Rote Fahne, um sich gegen die Rote Fahne zu stellen. Wie Lenin zuvor vertritt der Maoismus-Drittweltismus die Interessen des Proletariats und den Unterdrückten als ein Ganzes. Genauso wie Lenin dieser Art des engstirnigen, phantasielosen und dogmatischen Denkens in jenen Tagen ein Ende setzte, genauso macht es jeder wahre revolutionäre Wissenschaftler, genauso macht es der Kommunismus des Leitenden Lichts.

Die erstweltlerischen Auffassungen beruhen nicht auf einer wissenschaftlichen Analyse, sie beruhen auf Dogmen. Aly hilft, den Bankrott des erstweltlerischen Chauvinismus und des vulgären „Operaismus“ aufzuzeigen, welche einfach annehmen, dass jeder, der einen Lohn oder ein Gehalt bekommt, ein Interesse am Sozialismus hätte. Dieser „Operaismus“ (von ital.“operaio“ Arbeiter) geht davon aus, dass alle Angestellten ein gemeinsames Klasseninteresse hätten und für den Sozialismus eingespannt werden könnten. Es ist reine Metaphysik, an der These festzuhalten, dass alle, die irgendwie angestellt sind, egal ob in der Ersten oder Dritten Welt, Teil der selben Klasse seien. Das ganze 20. Jahrhundert zeigt, dass das einfach nicht der Fall ist. Der Grund, dass der „Kommunismus“ heutzutage für tot erklärt wird, ist, dass die Leute einfach sehen können, dass die Rhetorik derjenigen, die sich Kommunisten nennen, überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmt. Sogar der radikale Islam und sein Dschihad gegen den Westen zieht die Grenze zwischen Freund und Feind genauer als der erstweltlerische sogenannte Marxismus. Im Gegenteil dazu, sieht der Kommunismus des Leitenden Lichts, der Maoismus-Drittweltismus, die Welt so, wie sie ist. Die Leitenden Lichter betrachten die tatsächlichen historischen Unterlagen. Die Leitenden Lichter wissen, wie sich soziale Kräfte tatsächlich mobilisieren lassen, nicht wie man es gern hätte, dass sie sich mobilisieren. Der Kommunismus des Leitenden Lichts hat die Wissenschaft zurück zum Kommunismus gebracht. Die Leitenden Lichter haben die revolutionäre Wissenschaft auf eine völlig neue Stufe gehoben. Alys Buch ist eine wirksame Waffe im Kampf gegen den Blödsinn, der als Marxismus ausgegeben wird.

Quelle:

Aly, Götz. Hitlers Volksstaat, Frankfurt am Main: 2005

Originaltitel des Artikels:

Prairie Fire: Hitler’s Beneficiaries (2005) by Gotz Aly reviewed